Dienstag, 19. Mai 2009

09 - Das Motorhome Tagebuch - Das spannende Leben von Big Bertha

Mit der Fähre haben wir Vancouver verlassen und unser Reiseabenteuer damit eingeläutet.

Von Vancouver nach Vancouver Island

Nun liegt unsere Woche auf Vancouver Island bereits hinter uns und diese wenigen Tage waren etwas knapp bemessen. Vor allem wenn man bedenkt, dass es hier über die Berge steile Wege zu bewältigen galt und unser Motorhome, „Big Bertha“, ihres Zeichens eher schon eine betagte Bergziege ist, die auf Grund ihres Alters nicht mehr gewillt ist, Berge von knapp 2000 m Höhe zu erklimmen. So mussten wir doch etwas an den vielen Möglichkeiten kürzen und sind nach einem kurzen Abstecher zur Westküste schnell über die Ausläufer der Berge in den Osten gehüpft. Dort haben wir dann auch unsere ersten Schwarzbären gesehen, unerschrockene Rehe, einige Stinktiere und Waschbären und ganz frische Pumaspuren. Außerdem waren wir einige Male wandern.

nach Vancouver Island

Doch nicht nur die spannende Tierwelt und die wunderschönen Ausblicke Vancouver Islands haben uns beschäftigt, sondern auch die Stimmungsschwankungen und Launen von Big Bertha. Wir blicken zurück auf eine erlebnisreiche Woche:

unser Motorhome

Tag 1

Problem: Wir verlieren grüne, nicht zuzuordnende Flüssigkeit und Öl an mindestens 5 verschiedenen Stellen.
Lösung: Wir füllen die Flüssigkeiten wieder nach, zumindest die von denen wir denen wir wissen, woher sie kommen, und hoffen das Beste.


Tag 2

Problem: Komische, beängstigend schleifende Geräusche sind relativ laut aus dem Motorraum zu hören.
Lösung: In den Notizen, die Raymond uns mitgegeben hat, finden wir, dass wir Power Steering Fluid nachfüllen müssen, wenn ein „funny noise“ zu hören ist. Alles geht wieder, aber auffüllen müssen wir das nun täglich.


Tag 3

Auspuff-verlorenProblem: An der Tankstelle stellen wir fest, dass unser Auspuffrohr runtergefallen ist und wir es wohl schon einige Kilometer hinter uns herschleifen.
Lösung: Weil das Rohr komplett durchgerostet ist, kann es nicht wieder angebaut werden, also entfernen und entsorgen wir es. Klappt auch ohne!

Problem: Der Lautsprecher im Beifahrerbereich fängt an laut zu rauschen und geht dann gar nicht mehr. Diagnose: Kalte Lötstelle.
Lösung: Wir tauschen ihn gegen einen Lautsprecher aus dem Schlafzimmerbereich aus.

Tag 4

An der Unglücksstelle Mit dem Rad nach Hilfe suchenProblem: Mitten auf dem Highway führt plötzlich die Betätigung des Gaspedals nicht mehr zum gewünschten Antrieb des Fahrzeuges. Schließlich bleibt Bertha ganz stehen und will auch gar nicht mehr anspringen.
Lösung: Da wir einige Kilometer vom nächsten Dorf entfernt sind und auch keinen Handyempfang haben, sichere ich die Unglücksstelle professionell ab und Ulrike alarmieren per Fahrrad 2 Holzfäller, die uns zur Hilfe eilen. Nach 2 Stunden rumprobieren schaffen sie es, Bertha zumindest temporär wieder in Gang zu setzen, so dass wir die nächste Werkstatt ansteuern können.

Problem: Nach den Reparaturarbeiten unserer beiden Holzfällerfreunde, funktioniert der Drehzahlmesser nicht mehr.
Lösung: Als dann ein kanadisches Hardcore-Schlagloch mit knapp 60 km/h durchfahren wird, geht er wieder.

Problem: Unser Benzintank war mit knapp 200 Litern gefüllt, als wir Vancouver verließen. Seitdem sind wir nie mit Benzin, sondern immer nur mit Propangas gefahren. Seltsamerweise ist unser Benzintank jetzt aber knochentrocken.
Lösung: Keine Ahnung! Wir haben 3 Lösungsansätze.
1. Wir haben ein Leck im Tank und haben irgendwie, ohne es zu bemerken, eben mal schnell 200 Liter Benzin verloren.
2. Irgendein Idiot hat es uns, während wir schliefen oder nicht da waren, geklaut.
3. Wir verbrauchen das Benzin ohne es zu wissen, weil ja am „Auto“ irgendetwas kaputt ist.
Wir füllen 30 Liter ein und beobachten das nun mal!

Tagesendlösung: Wir gönnen uns eine Pizza und gehen zum ersten Mal in einen Liquor-Store und kaufen eine Flasche Vodka – Alles gut! Es ist allerdings nur eine kleine Flasche, die wir dann auch nur zu einem Bruchteil leeren. Unsere deutschen Lebern haben eben noch lange kein kanadisches Ausmaß.


Tag 5

Problem: Wir stellen fest, dass Ulrike gestern, als sie mit dem Rad Hilfe organisierte, unsere Wagenpapiere verloren haben muss. Jedenfalls sind sie jetzt weg.
Lösung: Wir fahren knapp 40 km zurück um den Straßenrand nach dem Mistzeug abzusuchen, leider erfolglos. Jetzt haben wir halt keine Fahrzeugpapiere mehr, auch egal!

Problem: Der Mechaniker in der Werkstatt diagnostiziert irgendetwas kaputtes, das ausgetauscht werden muss, falls wir auch wieder mit Benzin fahren können wollen. Da es nicht überall Propangas zu tanken gibt, muss das wohl sein. Kostenfaktor: Knapp 700 $ (ca. 400 €). Das kann er aber erst morgen machen, weil das Teil bestellt werden muss.
Lösung: Wir haben ihn gefragt, ob wir den Rechnungsbetrag mit Autowaschen abarbeiten können, geht aber nicht. Zum Glück haben wir noch Vodka! Dazu würden wir gerne die Reste der Pizza essen, doch leider habe ich anscheinend versehentlich den vollen Pizzakarton entsorgt und den mit den Abfällen behalten. Mist! Dann halt nur Vodka!


Tag 6

Heute nur Lösungen: Wir lassen Bertha reparieren. Das Ding, dass ihr neu eingesetzt wird – wir haben es nachgeschlagen – ist ein Vergaser. Es dauert genauso lange und kostet genauso viel, wie am Tag zuvor besprochen. Das ist doch schon mal was.
Außerdem stellt uns der nette Mechaniker das Standgas neu ein und bindet einige Kabel, die zu nahe an heißen Stellen hängen, aus dem Gefahrenbereich. Er erklärt uns, dass die grüne Flüssigkeit, die wir verlieren, Frostschutzmittel ist. Im Anschluss kaufen wir neue Birnchen für unsere Esszimmerlampe und besorgen neue Wagenpapiere. Das war ja einfach.
Bertha läuft wieder spitzenmäßig!


Tag 7

Problem: Langsam geht uns das Öl zum Nachschütten aus und da wir Unmengen davon verbrauchen, brauchen wir dringen Nachschub. Da wir Anfangs noch nicht wussten, wie groß unser Bedarf ist, waren unsere Ölvorräte begrenzt, hier kostet es allerdings wesentlich mehr.

unterm Auto

Lösung: Wir entscheiden uns, zusätzlich ein ähnliches Öl zu kaufen und dieses mit dem richtigen zu mischen. Das ist günstiger und wird schon gut sein. Außerdem befestigen wir mit einer Kordel-Kabelbinder-Konstruktion eine leere Olivendose am Fahrzeugboden, direkt unter unserem Hauptleck. So verpesten wir die Umwelt nicht mehr ganz so stark. Zusätzlich kaufen wir ein Teesieb um das hoffentlich aufgefangene Öl noch mal verwenden zu können, schließlich läuft es fast schneller raus, als wir es reinschütten.


Cora

Donnerstag, 7. Mai 2009

08 - Der Traum vom Eigenheim - Teil 1

In den vergangenen Tagen habe ich mir einen Kindheitstraum erfüllt. Wie die Überschrift ja schon erahnen lässt, geht`s um unsere zukünftige Unterkunft. Ganz klar, dass das bei mir kein Haus sein kann - zumindest keines mit einem soliden Fundament, einem Vorgarten mit Obstbäumchen & Co. Nein - bei mir muss sich alles drehen und bewegen und flexibel sein. So haben wir uns vor ein paar Tagen in einer Gemeinschaftsleistung (Jasmine, Raymond - zwei vom Racetrack - Cora und ich) für ein Dodge Motorhome von 1976 entschieden.

vor unserem "neuen" Motorhome auf Raymonds Farm

Dieses rüstige Schmuckstück ist knapp 9m lang, hat uns ca. 2600€ gekostst und bietet mehr Luxus, als wir uns je von unserem Reisegefährt erhofft haben. So haben wir nun neben einem großen Bett auch massenhaft Stauraum, sowie ein kleines Bad mit Toilette und Dusche, eine Küche mit Kühlschrank und richtigem Herd samt Backofen (!), einem Tisch, 2 kleinen Sitzbänken und natürlich unser Fahrerkabine.
Technische Features: ein CD-Radio (die Lautsprecher dafür müssen wir erst noch finden, doch da sind ganz bestimmt irgendwo welche, oder?!), ein Generator, welcher die Gerätschaften im Inneren mit Strom versorgt (ist leider defekt und muss noch irgendwie gekauft und ausgetauscht werden), eine Klimaanlage, Power-Lenkung (inklusive komischer, schleifender Geräusche bei starker Lenkbewegung nach rechts… ähm - und auch nach links) und einer Nebelanlage unter der Kühlerhaube (zumindest sind nach unserer ersten Fahrt dicke Rauchwolken vor und hinter der Windschutzscheibe aufgestiegen).

Raymond meinte, dass das alles gar nicht tragisch sei und er das in kürzester Zeit reparieren kann. Auch andere Kollegen finden den Kauf super und so bekommen wir Feedbacks wie: „ach, das ist nicht so alt… gute Motoren haben die damals gebaut…“ oder „lasst mich wissen, wann ihr in Halifax seid, vielleicht komm ich hingeflogen und kauf ihn euch ab“. So vertrauen wir auf deren Fachkenntnisse und hoffen, dass wir wirklich mit dem Schätzchen irgendwann über die Stadtgrenzen von Vancouver hinaus kommen… Mit diesem Kauf steht auf jeden Fall fest, dass wir das große Abenteuer durch taktisch kluge Reisesteuerung noch ein bisschen spannender gestalten können…

Auch auf der Rennbahn weht ein neuer Wind. Die Rennsaison hat begonnen und so mischen sich unter den Wettfreudigen die Gewinner und Verlierer. Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass Cora und ich gut beraten sind unserer Schäfchen schön brav im Trockenen zu halten. Wir lieben es ja Prognosen abzugeben, doch irgendwie haben wir ein Hänchen für die Verlierer. So lassen wir den Wettpart nun lieber gänzlich aus und konzentrieren uns auf den sportlichen Teil. Für uns ist es wirklich spannend zu sehen, wie unheimlich angespannt die Pferde sind, mit aufgerissenen Nüstern, weit geöffneten Augen und allzeit zur Flucht bereit. Im Vorfeld laufen sie sich mit einem anderen Pferd an der Seite ein (damit sie sich sicherer fühlen) und

Rennstart

dann geht’s zum Startgate und man kann förmlich das Adrenalin spüren. Manche sträuben sich in diese enge Vorrichtung eingesperrt zu werden, doch mit sanfter Gewalt lässt sich fast jeder Heißblütler zu einem kurzen Aufenthalt überreden. Auch für die Jockeys ist die Zeit im Gate nicht ungefährlich. Einige Pferde steigen und bocken, was die anderen Tiere nur noch mehr mitreist. Es gibt Jockeys die es da mit der Angst bekommen und rausgeholt werden. Anspannung pur! Doch für Mitleid ist nun der falsche Zeitpunkt. Mit einem Schlag springen die Tore auf und die Jagd beginnt.

Kurz vor dem Ziel

Die Wetten sind gesetzt, alles soweit gesagt und nur wer die Nase zuerst durchs Ziel steckt hat`s zumindest für heute geschafft. Und dann geht`s im 2-3 Wochen Rhythmus wieder ins Startgate… Eine Viecherei, aber ich hab mir sagen lassen, dass es wie mit der Army ist - die einen Lieben es und die Anderen hassen es eben.


Uli-auf-JuniorIch für meinen Teil habe entschieden, dass der „Tag der Arbeit“ ein guter letzter Arbeitstag ist und so hatte ich letzten Freitag meinen Letzten. Mein Chef war voll süß und hat darauf bestanden, dass ich mindestens auch mal auf einem echten (pensionierten) Rennpferd reiten müsste, wenn ich schon auf der Rennbahn arbeitete. Und so kam es, dass ich nicht ganz ohne Stolz mit „Junjor“ die Stallgasse rauf und runter geritten bin.

Seh` ich nicht beinah wie ein professioneller Jockey aus!? Das sind übrigens mein Chef „Alex“, sein bereits erwähntes Pferd „Junjor“ , ich und „Twink“ die auch bei uns arbeitet.

Alex und Twink

Cora - die sich immer so schwer von allem trennen kann - wollte unbedingt noch eine Woche länger arbeiten und so quält sie sich nun jeden Tag um kurz vor 5 aus dem Bett, während ich mich noch einmal genüsslich zur anderen Seite des Bettes drehe. Aber auch bei ihr sind es nun nur noch wenige Tage mit ihren Kollegen Steve, Richard, Russ und Fran (die immer total nervt).

Mit Steve, Richard, Russel und Fran

Zwischen all unserer Arbeit, haben wir es aber auch geschafft, mit meiner Kollegin Susan und deren Freundin, einen Ausflug ins Museum für Native Art zu unternehmen.

mit Susan, Adriana und Jam

Ich habe in der Zwischenzeit ein bisschen Zeit um mich meiner Lieblingsbeschäftigung - dem Sport - zu widmen, der leider durch die tägliche, körperliche Arbeit etwas zu kurz gekommen ist. So geh ich nun wieder Laufen und Radfahren während Cora arbeitet und versuche nützliche Vorbereitungen zu treffen, damit es dann nächstes Wochenende endlich ohne weitere Verzögerung losgehen kann!

Uli

Dienstag, 14. April 2009

07 - Long time no see

Nun haben wir uns länger nicht mehr zu Wort gemeldet, aber hier sind wir jetzt wieder mit den neusten Neuigkeiten und dem aktuellen Stand der Dinge.
Immer noch arbeiten wir unermüdlich, tagein, tagaus, auf der Rennbahn und langsam wird es spannend. Nachdem bislang das Leben der Pferde hier nur aus Training bestand, starten am kommenden Wochenende die ersten Rennen hier vor Ort.
Zwar haben wir noch keine Ahnung, wie sich das auf unseren Arbeitsalltag auswirkt, Zimmer1 aber es ist schön, dass mal wieder etwas Neues passiert und es wird mit Sicherheit aufregend, auch Pferde laufen zu sehen, mit denen wir täglich arbeiten.
Unser Leben hier hat sich auch gut eingependelt. Wir haben mittlerweile alle Löcher in der Decke unseres Zimmers einigermaßen gestopft und auch die künstlerischen Arbeiten an den Wänden sind abgeschlossen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und wir fühlen uns in unserem kleinen Reich jetzt auch richtig wohl.

Zimmer2


Außerdem bessern wir unser Gehalt durch kleinere Zusatzarbeiten auf. Ulrike hilft ihrem Chef nun dreimal die Woche abends beim Füttern und wir haben uns mit einem der Hufschmiede angefreundet, für den wir ab und an die Pferde beim Beschlagen halten. Dieser Schmied - ein Pole der hier als "Magic" bekannt ist und uns immer die „German Chicks“ nennt - bezahlt uns nicht nur gut, sondern ist auch ein altes Waschweib erster Güte, wodurch wir immer bestens über den neusten Klatsch und Tratsch hier informiert sind.

Da wir die ganze Woche über so hart arbeiten freuen wir uns natürlich umso mehr auf unsere kurzen Wochenenden, die wir versuchen, so gut wie möglich zu nutzen.


Lighthousepark

Letzte Woche entschieden wir uns einen Ausflug zur Horseshoe-Bay und zum Lighthouse-Park, in dem man durch ursprünglichen Regenwald einem Küstenabschnitt mit einer grandiosen Aussicht wandern kann. Alles in allem ein sehr schöner Ausflug, der uns einen kleinen Vorgeschmack auf pure Natur gegeben hat.
Steam_ClockAuf dem Weg dahin haben wir einen kleinen Abstecher nach Gastown, einem Stadtteil von Vancouver, gemacht und die berühmte Gasuhr bewundert.

Twinks_HausDieses Wochenende wurden wir von einer Arbeitskollegin von Ulrike eingeladen, das Wochenende auf ihrer Farm zu verbringen. Klingt toll, ist aber eigentlich nur ein kleiner Holzverschlag in der Wallachei. Trotzdem war es sehr nett. So konnten wir uns die Tage, über, abgeschnitten vom Rest der Welt, gemeinsam mit ihrem Hund in der Größe eines Eichhörnchens, gemütlich machen.

all_you_can_eatFerner verfolgt uns das große Thema Asien. Nachdem über ein Drittel der Bevölkerung hier asiatischer Abstammung ist, kommen wir einfach am Sushi nicht vorbei. Immer wieder kämpfen wir gegen die Versuchung des all-you-can-eat Angebots an doch: das Fleisch ist schwach und das Sushi ist billig und willig. Wer könnte beim Anblick solcher gefüllten Tische schon widerstehen? (und das ist nur eine unserer Bestellung).
Beim Thema Essen stoßen wir auch immer wieder auf ein seltsames Mysterium: Eiswürfel! Folgende Ausgangssituation: Person 1 und Person 2 sitzen immer wieder in unterschiedlichen Lokalitäten am selben Tisch und bekommen gleichzeitig je ein Glas Wasser mit Eiswürfeln. Über etliche Versuche hinweg schmolz das Eis im Glas von Person 1 erheblich schneller, als bei Person 2. Woran kann das liegen? Für Hinweise, die zur Lösung dieses Problems führen könnten, wären wir sehr dankbar.

Cora

Donnerstag, 26. März 2009

06 - Verflucht nochmal

Natürlich haben wir uns, vor unserem Aufbruch in das fremde Land, auch Gedanken über die Sprache gemacht. Als wir endgültig sichergestellt hatten, dass die Kanadier definitiv nicht Schwedisch sprechen, fragten wir uns, wie lange es wohl dauern würde, bis unser etwas eingerostetes Englisch zu Hochformen aufläuft. Nach fast 6 Wochen kann man eines mit Sicherheit sagen: Unser Wortschatz hat sich um einiges erweitert. Ein nicht ganz unbedeutender Teil dieses neuen Vokabulars wurde durch die so unverblümte Ausdrucksweise der Einwohner von Vancouver geprägt. Diesen wird das Fluchen scheinbar bereits mit der Muttermilch eingetrichtert. Die meiste Zeit über ist es schwierig und eine echte Herausforderung, zwischen all den „Fucks“, noch andere Worte herauszuhören. Die restlichen Schimpfwörter, mit denen hier so selbstverständlich um sich geworfen wird, traut man sich wirklich kaum ins deutsche zu übersetzen. Da kann man noch was lernen!
Viel netter sind allerdings die Spitznamen, die unsere Kollegen uns gegeben haben. So sind wir nun weithin bekannt als „Cora the Explorer“ (Cora die Forscherin) und „Uli Bully“ (Uli der Tyrann).

Knutsch-den-Waschbaer

Die erste Woche in unserem neuen Heim liegt nun bereits hinter uns und wir haben uns ganz gut eingelebt. Man muss sich zwar erst mal dran gewöhnen, dass man im Pferdemist und mitten in der Kälte steht, sobald man mal aufs Klo muss oder Wasser zum Kochen holen will, aber das sollte ja kein Problem sein.
Das „Zimmer“ haben wir soweit ganz nett hergerichtet. Wir haben es neu gestrichen und versucht die Lecks, durch die es in den Raum tropft, abzudichten. Letzteres hat nicht ganz so gut funktioniert wie erhofft, aber wir ertrinken auch nicht in den reißenden Fluten, die in unsere Wohnhöhle schießen. Auch auf ein Bett, das uns einer meiner Kollegen seit dem Tag unseres Einzugs immer verspricht am nächsten Tag mitzubringen, hoffen wir noch immer – es läuft also gut.


GranvilleIsland1

Dank unseres fabelhaften Verhandlungsgeschicks, haben wir nun auch immer einen Tag die Woche frei, den Samstag. Den ersten freien Tag haben wir natürlich so gut wie möglich genutzt und sind nach Ausschlafen und tollem Frühstück aufgebrochen um Vancouver zu erkunden. Unser persönlicher Fremdenführer Wayne, den wir auf der Arbeit „aufgegabelt“ haben, geleitete uns nach Granville Island, wo wir ein wenig die Läden durchstöbert haben. Eine schöne Abwechslung – der nächste Samstag kann also kommen.

GranvilleIsland2

Freitag, 13. März 2009

05 - Der Tag an dem Ulrike ein Licht aufging

Liebe Märchenfreunde,

es ergab sich zu einer Zeit, als die Bären langsam aus ihrem Winterschlaf erwachten, die Schneeglöckchen ihre zarten Knospen gen Himmel reckten und zwei unerschrockene, unheimlich gutaussehende Frauen aufbrachen um eine neue Welt zu erkunden. Zu dieser Zeit trug es sich zu, dass eine dieser beiden Frauen, nach einem schweren Arbeitstag müde auf dem Bett saß. Gerade ließ sie sich von ihrer liebenden Freundin eine zweite Decke, vom über dem Bett angebrachten Regal reichen, als sie wie aus dem Nichts von einer fliegenden und offensichtlich wild gewordenen Taschenlampe angegriffen wurde. Diese war von der ganz bösartigen Sorte und zielte direkt auf das Auge der kampfunfähigen Frau, das sofort blutete und anschwoll. Dem Auge selbst ist glücklicherweise nichts passiert, doch Ulrike trägt nun ein wunderschönes Veilchen, das sich in den schönsten farblichen Schattierungen präsentiert, zur Schau.
Seltsamerweise erzählt sie aber jedem der es hören will diverse Geschichten. Beginnend damit, dass ich ihr das blaue Auge verpasst hätte bis dahin, dass sie des Nächtens als Boxerin im Fight-Club arbeite.

Blauaeugig


Gerade kommen wir von unserem Lieblingslokal, dem `Robson Sushi`, Sushiwo wir mal wieder über die Strenge geschlagen haben. All-you-can-eat ist halt auch eine heimtückische Sache. Nun liegen wir hier, halten unsere vollgefressenen Bäuche und schwören uns zum wiederholten Mal, nie mehr so viel zu essen.


bikeAußerdem steigen unsere Besitztümer in unserer momentanen Wahlheimat stetig. Seit wenigen Tagen sind wir stolze Eigentümer zweier Fahrräder samt Zubehör. Ich bin sogar unter die "Helmträger" gegangen, den Ulrike mir liebevoll bemalt hat. Die Räder haben wir heute zum ersten Mal auf dem Weg zur Arbeit getestet. Auf dem halbstündigen Weg musste ich – sportlich wie ich nun mal bin – nur 5 Pausen einlegen und mein Rad zwei Berge hochschieben. Doch das Geld, das wir dadurch sparen, dass wir nicht mehr mit dem Bus zur Arbeit fahren, ließ mich den ersten Tag durchhalten.


Neues gibt es auch in Sachen Wohnung. Nachdem wir schon seit 3 Wochen nach einem geeigneten und günstigen Zimmer suchen, besteht nun die Möglichkeit direkt auf der Rennbahn ein Zimmer zu bekommen. Die Zimmer dort sind im Prinzip umfunktionierte Pferdeboxen, die zumeist von den Mexikanischen Arbeitern bewohnt werden, kosten aber so gut wie gar nichts. Ein paar Arbeitskollegen haben schon angeboten uns einen Fernseher und andere Kleinigkeiten stiften zu können. Europaletten, die uns als Bettgestell dienen werden, haben wir heute schon mal gemopst und in unsere zukünftige Bleibe geschleppt. Nun müssen wir nur noch mal durchputzen und dann kann es losgehen mit der Heubodenromantik.
Dies bedeutet aber auch, dass wir dann fern der Zivilisation uns langsam hin zur Natur bewegen und dadurch auch auf die Vorzüge des ständigrn Internets verzichten müssen.

…und wenn sie nicht gestorben sind, dann misten sie noch heute!

Cora

Sonntag, 1. März 2009

04 - Cowboystiefel und Countrymusic

Liebe Lesenden,

Nach 9 Tagen der vergeblichen Suche, erfolglosen E-Mails zu 14 Tierschutzorganisationen und 15 Jobagenturen, kilometerlangen Märschen durch Vancouver und endlosen Touren mit den hiesigen öffentlichen Verkehrsmitteln (sprich Bus, Boot und Skytrain) um uns bei 5 Autohändlern, 7 Hotels und 10 Supermärkten vorzustellen, und einem ernüchternden Vorstellungsgespräch bei Walmart ist es ist geschehen- wir haben einen Job!
Einen, auf den wir von alleine auch nie gekommen wären…

Bei einem unserer täglichen Streifzüge durch die Arbeitswelt hat uns mal wieder jemand angequatscht mit dem glorreichen Vorschlag uns doch auf der Pferderennbahn zu bewerben.
PferdelaeuferIch war zwar nicht so schnell zu begeistern wie Cora, doch bei weiteren Überlegungen was denn eine Mögliche Position in solch einem „Unternehmen“ für mich sein könnte wurde es mir schnell klar- Maskottchen wär doch schön! Diese Stelle war, wie sich kurze Zeit später rausstellte, leider nicht zu vergeben.
Nun wurde aus mir ein "Pferdeläufer". Meine Hauptaufgabe besteht darin dem Jockey das Pferd nach dem Reiten abzunehmen, es zu putzen und dann mit ihm zu laufen (manchmal gehen auch die Pferde mit mir laufen- ganz schön nervöse Tierchen), aber bis jetzt ist mir wenigstens noch keines ausgekommen... was wirklich schon manchmal vorkommt.
Cora ist so was wie ein Pfleger. Sie macht die Ställe sauber und sattelt die Pferde bevor der Jockey kommt.
StallAusmisten
Leider weiß ich, im Vergleich zu ihr, noch nicht so genau wie viel ich verdiene- werde ich aber demnächst in Erfahrung bringen (hab heute meinen 3ten Tag gehabt) und meine Chefin wollte erst mal sehen, wie ich mich anstelle, weil ich nicht so mit meinem umfangreichen Pferdwissen geprahlt hab wie andere...
Wir müssen leider nun immer schon kurz nach 4 aufstehen, weil die Pferde früh versorgt werden müssen, sind aber dafür auch um 12.30 Uhr fertig. Das ganze geht ohne Unterbrechung 7 Tage die Woche- ganz schön hart und da fallen wir abends auch schon immer früh und ziemlich erschöpft ins Bett, aber wir wollen ja nur 3 Monate arbeiten und dann soll’s auch mal mit dem Reisen losgehen… und ein anderer Job war leider gar nicht in Aussicht. Es hat sich wirklich NIEMAND sonst für unsere zahllosen Qualitäten begeistern können- sehr ernüchternd!

Und außerdem will ich hiermit das Gerücht widerlegen, dass man sich so sehr auf die Kanadier verlassen kann. Ja, ja- wer sich da auf was verlässt ist dann auch in den unendlichen Weiten Kanadas verlassen. Sorry- aber wir hatten nun schon einige unzuverlässliche Zeitgenossen kennen lernen dürfen. Da wollen wir beispielsweise per Internet Fahrräder kaufen, der Preis war schon ausgemacht und dann wird sich einfach nicht mehr gemeldet; zu Verabredungen muss man auch nicht unbedingt kommen, genauso wie zur Arbeit- bei uns weiß meine Chefin morgens nie mit wie vielen ihrer Leute sie rechnen kann. Ach und überhaupt ist alles ziemlich unverbindlich und locker. Nett und aufgeschlossen sind sie ja, die Kanadier, aber für Verbindlichkeit gibt’s hier keine Übersetzung.

Liebe Grüße,
die Bockwurst und die Knackwurst

Freitag, 27. Februar 2009

03 - Der Irre mit dem Handtuch

Ein solches Hostelleben bietet allerlei Abwechslung. Das schönste daran aber ist die Vielzahl neuer, netter Menschen, die man dadurch kennenlernt.
So ist da zum Beispiel, der extrem gepflegte Franzose, der drei Zimmer weiter wohnt. Er ist sehr kommunikativ und man trifft man ihn zumeist auf dem Weg in die Küche, Dusche oder Toilette. Dabei schneidet er gerne mal das ein oder andere Gesprächsthema an, obwohl er eigentlich und offensichtlich durchaus schwer beschäftigt ist. Beispielsweise kann man ihn hier beim ständigen und überaus gründlichen Waschen seiner Füße und Beine im nahegelegenen Waschbecken beobachten. Gelegentlich wird diese Prozedur abgelöst von der Reinigung seiner Brusthaare und Spülung seiner Naseninnenwände an gleicher Stelle (sehr eklig!).
Dabei ist er immer in die, dieser Tätigkeit angemessenen, Arbeitskleidung gehüllt. Diese besteht ausschließlich aus einem kleinen roten Handtuch, dass kurz unter seinem Bierbauch, lässig um die Hüften geschwungen wurde. Er nimmt die Pflege seines kleinen Körpers sehr ernst und so ist er tagsüber, bei absolut jedem Verlassen des Zimmers, und auch bei nächtlichen Wanderungen zur Toilette, mit der Erfüllung seiner Säuberungsmission beschäftigt.
Sollte er seinen Arbeitsplatz , das Waschbecken, jedoch einmal für wenige Minuten verlassen, um eben mal kurz zu duschen, macht er dies fortwährend mit offener Tür.

Ein mindestens ebenso liebenswerter Zeitgenosse ist unser chinesisches Reinemach-Männchen. Zwar sieht er mit seinem faltigen Gesicht und den schicken Gummihandschuhen aus, wie einem Comic entsprungen, doch hat er sein Lächeln ganz offensichtlich im Land des Lächelns zurückgelassen. Er trägt eine immerzu mürrische Mine zur Schau und verliert auch kein Wort des Grußes. Bewaffnet mit vollen Müllsäcken, die er auf dem Rücken trägt, ist er stets zu Kochzeiten in der Küche anzutreffen, um den Inhalt der überquellenden Müllbehälter direkt neben dem Esstisch zu entnehmen.

Im Kellergeschoss des Hauses sind leider nicht alle Bewohner auch zahlende Gäste. Ein reges Treiben spielt sich oberhalb der abgehängten Decke ab. Dort kann man zu allen Tages- und Nachtzeiten dem fröhlichen Toben zahlreicher, vermutlich sehr großer, Nagetiere lauschen.

Doch nicht nur innerhalb unserer Casa de Canada, gibt es interessante Kreaturen. Die Weltwirtschaftskrise hat hier glücklicherweise noch keine großen Wellen geschlagen, denn es lassen sich hier, vor der Tür, zum einen die antreffen, die gerade etwas von ihrem Ersparten investiert haben und zu anderen die, die sich noch eine Kleinigkeit dazuverdient haben. Erstere erkennt man daran, dass sie ständig in irgendwelchen Ecken und Nischen ihre vollen Löffel über kleiner Flamme erhitzen, letztere an ihrem hitzigen Gemüt, welches sich auch schon morgens um 4 in ihrer spärlichen und extrem kurzen Bekleidung widerspiegelt.

Ihr seht, es besteht kein Grund zur Sorge, wir sind in bester Gesellschaft!

Liebe Grüße aus der Ferne,
die 2 von der Front

Mittwoch, 18. Februar 2009

02 - Erste Rauchzeichen

Hello Folks!

Wir sind da – in Kanada!
Vorgestern Abend sind wir in Vancouver angekommen. Nach einem abenteuerlichen Bustrip und Fußmarsch haben wir die berühmt berüchtigte Pender Lodge erreicht und müssen sagen: So schlimm ist es wirklich nicht. Man kann und sollte vielleicht nicht vom Fußboden essen, aber für eine billige Bleibe ist es schon okay. Und die Gegend? Naja, wir sind eben mitten in Chinatown.
Chinatown

Morgens werden wir sogar vom Vogelgesang geweckt, genauer gesagt vom Zwitschern einer Möwe. NOCH genauer gesagt handelt es sich leider gar nicht um eine echte Möwe die hier vorm Fenster sitzt, sondern um einen kleinen Lautsprecher über der Ampel hier an der Straße. Die Ampelsignaltöne für Blinde sind hier nämlich Vogelstimmen.
Ein weiteres kleines Missverständniss gab es, als wir beim Zubereiten unserer ersten Malzeit dachten, wir hätten es mit einem Gasherd zu tun. Da sich keiner von uns mit einem solchen auskennt, haben wir einfach mal versucht die Flamme zu entzünden, bis wir merkten, dass es auch so schon irgendwie heiß wird und erkannten, dass es eine Heizspirale war, die wir da anzustecken versuchten. Naja, andere Länder, andere Herde.

Gestern haben wir dann die erste Erkundungstour in die Stadt gemacht und waren auch schon sehr produktiv. Haben es geschafft unsere Bankkonten einzurichten und unsere Sozialversicherungsnummern zu beantragen. Aquarium
Heute waren wir den ganzen Tag im Stanley Park unterwegs (was mit Hin- und Rückweg gut 10 km waren und das zu Fuß, wir wollen ja sparen) wo wir uns auch das hiesige Aquarium angesehen haben.

Außerdem ist Ulrike ziemlich am Boden zerstört. Nachdem ich ihr beim ersten Einkauf erläutert habe, dass wir nur billige Sachen kaufen und kein unnötiges Geld ausgeben, hat Sie sich schweren Herzens, zumindest fürs Erste, von Ihrem heißgeliebten Mr. Quaker verabschiedet. Seit dem höre ich sie ständig den gleichen Satz, wie ein Mantra, vor sich hersagen: „Ich glaub ich bin im Knast!“
StanleyPark

Das war's für's Erste. Liebe Grüße aus Kanada senden euch
Cora & Uli

Berthas Anzeige

Langsam müssen wir uns von Bertha trennen. Potentiell interessierte Käufer klicken hier

Herzlich Willkommen...



...in Cora's und Uli's Kanada-Tagebuch. Hier gibts, für alle die es interessiert, die neusten Neuigkeiten.


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