Samstag, 28. November 2009

19 - Wie Gott in Frankreich

kircheWir haben eine kleine Reise in die Vergangenheit unternommen und sind nach Kitchener, den Geburtsort meines Opas, gefahren. Die ursprünglich von deutschstämmigen Menoniten gegründete Doppelstadt Kitchner-Waterloo hat heute ca. 300.000 Einwohner.
Auf einer kleinen Wanderung durch die Stadt, haben wir die verschiedene Adressen, die wir auf Geburts-, Tauf-, und Heiratsurkunden gefunden hatten, besucht und waren positiv überrascht. Besonders die Kirche zu sehen, in der meine Urgroßeltern geheiratet haben, war sehr beeindruckend.
Auch nicht fehlen durfte ein Besuch auf dem nahegelegenen und berühmten Farmersmarket, auf dem die Zeit vollkommen anders tickt, als in der Außenwelt. Der Markt wird von Menoniten ausgerichtet, die nach sehr ursprünglichen Regeln leben. Sie tragen traditionelle Kleider, fahren mit Pferdekutschen, bestellen ihre Felder mit dem Pflug und lehnen den Vortschritt ab. Sie leben abgeschieden in kleinen, sogenannten Bruderhöfen, und sprechen miteinander nur deutsch in einem altmodischen Dialekt. Auf dem Markt werden Obst und Gemüse verkauft, es gibt jede Menge Essensstände, an denen wir reichlich zugeschlagen haben, aber auch mehrere Räume, in denen Vieh versteigert wird.

versteigerung

Im Anschluss haben wir uns für die bevorstehende große Städtetour gewappnet. Geplant waren Ottawa, Montréal, und Quebéc. Stadtbeichtigungen sind allerdings mit Bertha immer ein wenig schwierig, weil es nicht ganz so einfach ist, mal schnell eine passende Parklücke für sie zu finden. Also haben wir uns in Ottawa, nach ewiger Suche, einfach auf den Parkplatz der französischen Botschaft gestellt und haben gehofft, dass wenn wir abgeschleppt werden, sie Bertha vielleicht direkt nach Europa schiffen.
Schon viele Leute haben uns Ratschläge erteilt und Tipps gegeben, welche Städte wir unbedingt sehen müssen - Ottawa hat nie jemand erwähnt und wir sind nur deswegen hingefahren, weil man die Hauptstadt ja mal gesehen haben muss und wurden dann mit der schönsten Stadt überrascht, die Kanada uns bislang zu bieten hatte. Ottawa liegt in einer landschaftlich wunderschönen Umgebung und trumpft nicht mit riesigen Hochhäusern auf. Stattdessen findet man reichlich Grünflächen, im viktorianischen Stil gebaute Häuser und den Charme einer Stadt, die es nicht ganz so eilig hat, wie die anderen. Der Rideau Kanal, der durch die Stadt führt, verwandelt sich in den Wintermonaten in eine einzige lange Schlittschuhbahn, auf der Kaffeestände aufgebaut werden und welche die Menschen nutzen, um darauf zur Arbeit zu fahren. Das ist uns leider entgangen.
Nicht entgangen ist und dafür das beeindruckende Parlamentsgebäude, in dem man sich ansehen kann, wo kanadische Gesetze erlassen werden und wo der Premier Minister bei seinen Fernsehinterviews steht. Vor dem Gebäude brennt in einem Brunnen das ewige Feuer, das an gefallene Soldaten erinnern soll und wir haben die Zeit ausgiebig genutzt gemütlich durch die Altstadt zu schlendern.

parlament

Nach Ottawa wurden wir damit konfrontiert, dass wir schneller als gedacht in der französischsprachigem Provinz Quebéc ankamen. Daran mussten wir uns erstmal gewöhnen, stellten dann aber fest, dass man auch wenn man nicht mehr als „bonjour“ und „merci“ drauf hat, Standartsituationen wie tanken und einkaufen unauffällig meisten kann.
Auffälig jedoch war es, das Montréal, unser erstes frankokanadisches Ziel, etwas zu schick für uns war. Hier kleidet man sich besser und hat scheinbar mehr Stil als im Rest des Landes und so haben wir, um nicht ganz so negativ aufzufallen, direkt jedes mal unsere besten Klamotten angezogen, auch wenn wir nur mal schnell irgendwo die Toilette benutzen wollten. Hier wohnt man auch anders, denn genauso, wie vielerorts wackelige Bretterbuden und einfache Container, in denen hier sehr viele Menschen leben, das Szadzbild prägen, steht hier eine riesige Villa neben der nächsten. Man kommt aus dem staunen gar nicht mehr heraus.
Leider gibt es jetzt, im Winter, keine Sightseeing Bustouren mehr in Montréal, aber das wichtigste, wie das Olympiastadion von 76 (in dem wir auch schwimmen waren) oder die Kirche Nottre Dame, haben wir auch ohne Führung gut gefunden.

olympia

In der Stadt Quebéc erwartete uns dann ein Abenteuer der nicht ganz so schönen Art und wir mussten unsere erste richtig negative Erfahrung in Kanada verbuchen.
Eines Nachts, wir schliefen in Bertha in einer ruhigen Ecke eines Supermarktparkplatzes, der direkt an eines der vielen Prunk und Villenvierteln grenzte, wurden wir wach, weil wir dachten etwas gehört zu haben. Wir hatten gerade beschlossen, dass wir das wohl nur geträumt hatten, als erneute und laute Geräusche zu vernehmen waren, die klangen, als ob etwas oder jemand hart gegen Bertha schlägt – und zwar immer wieder. Ulrike sprang mit Schlagstock und Pfefferspray bewaffnet in den Fahrerraum. Nach kurzem Beobachten und Orientieren hörte ich sie das Fenster aufreißen und jemanden anbrüllen. Die beiden jungen Männer, die im Gebüsch saßen, ergriffen sofort die Flucht. Sie hatten uns mit Eiern beworfen! Das mag vielleicht nach einem lustigen Streich klingen, aber wir hatten schon ziemliche Angst. Beim Prüfen, ob die beiden noch anderen Schaden angerichtet hatten, mussten wir feststellen, dass sie uns auch ein kleines Geschenk direkt vor der Tür hinterlassen hatten, dass wohl für den Fall gedacht war, dass wir die Verfolgung aufnehmen wollten. Glücklicherweise sind wir nicht hineingetreten.
Auf dem Weg zur nächsten Tankstelle, redete Ulrike der armen Bertha immer wieder gut zu und versicherte ihr so lange unablässig, dass sie DAS nicht verdient habe, bis die ganze Sauerei wieder abgewaschen war. Am nächsten Morgen beschlossen wir, dass wir uns die Stadt nicht ansehen werden und sind direkt weitergefahren.

dracheFür kurze Zeit brach bei uns schon Vorweihnachtliche Stimmung aus, als sich mitte November Bertha in zwei verfeindete Lager aufteilte. Das Fort im Esszimmer und die Burg im Schlafzimmer,planeten in denen fleißig die Adentskalender für dieses Jahr gearbeitet wurden. Die Ergebnisse, ein Planetensystem und ein Drachen, wurden direkt mit in die restliche Weihnachtsdekoration eingepasst und warten nun darauf, schon bald geplündert zu werden.

Wir fuhren gen Norden, am St. Lorenz Strom entlang. Das Ziel: Das Ende des Highways. Leider mussten wir schon bald einen kleinen, ungewollten Zwischenstopp einlegen und zwar in dem Städtchen, dass unser Reiseführer als unattraktiv und komatös beschreibt. Der Grund: Mal wieder unsere Bremsen. Eine der vorderen Bremsen brauchte eine neue Bremsscheibe, samt Bremsbacken. Da sich die Bremse ein wenig festgesetzt hatte, war der Bremsbacken so abgenutzt, dass die Scheibe, die ohnehin einen Riss hatte, nun auch tiefe Rillen aufwies. Leider stellten wir mal wieder fest, dass es nicht so einfach ist, Ersatzteile für ein Wohnmobil Baujahr 76 zu bekommen. Und leider mussten wir auch feststellen, dass die meisten Menschen, abseits der Großstadt, kein Englisch mehr sprechen. So saßen wir also knappe 3 Tage abwechselnd in verschiedenen Autowekstätten herum und warteten. Man telefonierte für uns herum und machte uns anschließend klar, dass es im ganzen Land keine für uns passende Bremsscheibe neu zu kaufen gibt.

bremse

Da wir so schlecht weiterfahren konnten, machte einer der Mechaniker dann etwas, was bei jedem deutschen TÜV-Prüfer einen mittelstarken Herzanfall verursachen würde (und auch bei Ulrike wahrscheinlich ein Magengeschwür verursacht): Er nahm einen Bremsbacken der fast passte, flexte die störenden Teile einfach weg und voila: Er passte!

Und mit dieser fast neuen Bremse haben wir den Weg zum Ende des Highways, in das kleine Dorf Natashquan, doch noch geschafft. Der Weg führte durch eine felsige und karge Landschaft, in der nicht viel wächst, was aber doch irgendwie fastzinierend aussieht. Natashquan ist, wie die wenigen Orte, die man auf dem Weg dorthin durchquert, ein idyllisches Fischerdorf, in dem viele Ureinwohner und Aussteiger leben und dem wir uns direkt wohlühlten! ;)

natashquan

Von dort aus kommt man nur noch per Flugzeug oder Fähre weiter richtung Labrador. Auch das hätten wir gerne gesehen, doch da es zu dritt ab hier zu teuer wird, drehen wir um und erobern einfach ein anderes Stückchen Land.

Bis die Tage,
eure Cora
Nadine (Gast) - 2. Dezember, 20:13

Ich lese auch noch eifrig mit!

Auch wenn ich lange keinen Kommentar mehr abgegeben habe, so verfolge ich dennoch was ihr alles spannendes erlebt.
Wenn man selbst im Alltag gefangen ist, kann man nur voller Spannung verfolgen wie ihr durch Kanada tourt.
Da habe ich zumindest nicht mehr viel zu sagen.
Das ist schon sehr beeindruckend.
Es ist vor allem erstaunlich wie schnell die Monate verstreichen...

cora_und_uli - 2. Dezember, 23:16

hallo nadine

schoen mal wieder was von dir zu hoeren!
ja, die zeit verfliegt nur so und bald sind wir auch schon wieder da und sehen dem ende unseres abenteuers schon wehmuetig entgehen...

wie laeufts denn so bei euch? was gibts neues?

liebe gruesse
cora
Nadine (Gast) - 5. Dezember, 20:06

Bei uns ist alles gut.

Wir warten auf unsere Küche. Die alte haben wir abgebaut und verschenkt, heute haben wir die Küche und den Flur gestrichen und die Neue kann nun kommen. Ich war mit Jesse heute in der Hundeschule und wir haben erste Treibball-Kommandos kennengelernt, da wir in einer anderen Gruppe waren. Es passiert nichts spektakuläres, aber muß ja auch nicht immer.
Ich hoffe, ihr kommt auch gerne wieder zurück und wir sehen euch nicht bald bei den 'Auswanderern' im Fernsehen.
Liebe Grüße zurück!
Nadine
cora_und_uli - 8. Dezember, 22:32

klaro...

...kommen wir gerne wieder zurueck. mir graut es schon ziemlich vor dem, was in der ersten zeit alles zu regeln ist, aber auf das danach freu ich mich dann schon :)
allerdings gewoehnt man sich schon schnell an so ein vagabundenleben.
am meisten aber (also von edgar mal abgesehen) freu ich mich aber darauf, wieder eine heizung, eine dusche und eine toilette zu haben, die auch im winter funktioniert :)

und: was ist denn treibball?
liebe gruesse an brit und dich,
cora
Maggus (Gast) - 6. Dezember, 19:27

Bruderherz

Na wenn das so weiter geht, könnt ihr euch in Bechtheim ja dann Selbstständig machen.
Dann könnt ihr em KFZ Forster eine Kampfansage machen.....der is ja auch nur am "Rumknorzen".
Weiter viel Spaß und haltet die Ohren Steif.
Marcus un Sina

cora_und_uli - 8. Dezember, 22:35

firma "knorz" und co.

es haben uns wirklich schon ein paar leute geraten, eine werkstatt im hinterhof zu eroeffnen, allerdings ist das mehr ulis spezialgebiet, ich hab ja keine ahnung.
aber ich sags dir, mit was die hier alles rumfahren... da ist jeder deutsche knorz qualitaetsarbeit. es gibt hier halt keine regeln, jeder bastelt selbst an allem rum. das auto muss nur irgendwie vorwaerts kommen und dann darf es auch auf die strasse...

ich hoffe euch gehts gut!
liebe gruesse,
cora und uli

ps: ich wollte doch mal euer geburtstagsbild sehen. schick doch mal per mail!
Julia (Gast) - 6. Dezember, 21:29

;-)

post bekommen. danke!

Uli (Gast) - 8. Dezember, 22:41

... gern geschehen! ;0)

Uli
Sabi (Gast) - 16. Dezember, 08:10

Eisklötze??

Hallo Ihr Zwei,

da meine Ma und ich uns sorgen um Euch machen, meld ich mich jetzt mal bei Euch. Haben gelesen das in Kanada 50 Grad Minus teilweise sind.
Uli hat ja schon bei unserem letzten Gespräch berichtet, dass ihr 17 Grad Minus habt und es in Bertha sehr kalt ist und ihr enger zusammenrücken müsst.
Hoffen Euch geht´s gut und Ihr seit noch nicht eingefroren bei den Temperaturen? Gibt doch mal ein Lebenszeichen von Euch.

Liebe Grüße und schicken Euch warme Gedanken
Sabi und Mama Kudernatsch

Uli (Gast) - 16. Dezember, 21:31

Halloesch Boboesche!

Wau- so kalt is es bei uns!?

Man, man, man- da kann man sich nur warm anziehen!
Naja, Spass beiseite. Bei uns ist es teilweile echt unangenehm kalt... vor allem, wenn es uns mal wieder irgendwo auf dem Highway nen Reifen zerreist- wie neulich... Da stehst de schon bloed da. Aber dank einer unglaublichen Gemeinschaftsleistung haben wir selbst da irgendwie geschafft den Reifen zu wechseln.

Der Spass hatte dann auch gleich 2 positive Nebeneffekte:

1.) wir haben nun nen neuen Reifen an der Stelle und
2.) wir haben nun nur noch einen ganz alten Reifen auf ner Achse, den wir noch nie wechseln mussten ;o)

Ansonsten halten wir uns tapfer. Minus 50 Grad spielen auch gerade eine grosse Rolle in meinen Alptraeumen, doch zum Glueck mussten wir da noch nicht durch. Aber wir sind uns darueber im Klaren, dass es hier so kalt werden kann... Das waere dann aber auch der richtige Zeitpunkt, sich in ein nettes kl. Motel einzumieten. Sind ja nicht ganz so... hart.

Liebe Gruesse,

Uli

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