22 - Der Sonne entgegen
Nach unserem letzen tierischen Erlebnis im Hundeschlitten, galt es nun dem grossen Abenteuer einen würdigen Abschluss zu verleihen.Mit unserer treuen Bertha gingen wir die letzten 400km an der wunderschönen Ostküste von Nova Scotia an. Es ist noch immer sehr kalt, doch die Sonne lachte uns meist ins Gesicht und es ist schwer in Worte zu fassen, wie einem das Herz mit jedem Kilometer schwerer wird, wo doch alles so Perfekt scheint. Die Vorfreude auf Zuhause, auf zurückgelassene Freunde und Familie, wächst proportional zu der Trauer, die sich einschleicht, weil wir genau wissen, was wir hier zurücklassen werden.

Bertha hat uns auch auf den letzten Killometern die Treue gehalten und so sind wir am 12.01.2010, nach 22.983 gemeinsam zurückgelegten Kilometern, wohlbehalten über die Stadtgrenze von Halifax gefahren. Was es nun noch zu regeln galt war es unserer liebgewonnenen Begleiterin ein gutes, neues Zuhause zu suchen. Dies gestaltete sich leider, wie schon erwartet, nicht so einfach. Wir haben Internetanzeigen geschaltet und in Kneipen Flyer verteilt. Einige Interessenten haben sich auch eingefunden, doch es dauerte eine ganze Weile, bis wir einen würdigen Käufer gefunden hatten. Dieser kam kurzfristig um 6 Uhr morgens, feilschte wie ein ein Weltmeister und gab uns, nachdem wir uns auf einen Preis geeinigt hatten, eine Stunde Zeit, um unsere Habseligkeiten aus Bertha zu räumen. Damit hatten wir nicht gerechnet! Doch vielleicht war es auch gut so, denn der Abschied schmerzte mehr, als wir erwartet hatten. Unser guter Freund Alex aus Vancouver formulierte es ganz passend mit den Worten: "...sie ist wie ein ungehorsames Kind, dem man nicht böse für seine Fehler sein kann...". So war das letzte, das wir von Bertha sahen, wie sie mit quietschenden Bremsen und kreischendem Lenkeinschlag in einer Senke um die Kurve bog und mit Ed in ein neues Abenteuer, Richtung New Glasgow, Nova Scotia aufbrach.

Da saßen wir nun, mit unseren Koffern, irgendwo in Halifax und noch 2 Wochen bis zum Abflug. Doch auch das war überhaupt kein Problem. Schließlich hatten wir vor einigen Wochen Alma und Florence kennengelernt und zufällig hat Florence einen Onkel in Halifax. Dieser Onkel heißt Danny und er, samt Frau Lillian, haben uns vom ersten Tag an in ihr Herz geschlossen. Nachdem wir schon vor unserem Verkauf zusammen im Kino, mehrmals zum Essen und auch zum Parken in deren Einfahrt eingeladen waren, war es überhaupt keine Frage, wo wir in der letzten Zeit schlafen sollten. Ganz selbstverständlich wurden wir aufgenommen und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, haben uns Danny und Lillian schon am zweiten Abend ganz offiziell in ihre Familie adoptiert. Das war für uns einfach unfassbar!

Wie es sich für eine richtige Familie gebührt, bemühten sich auch alle uns die neue Heimat näher zu bringen. So haben wir beispielsweise Stadtrundfahrten mit Besichtigungen der Sehenswürdigkeiten in Dannys Auto unternommen, wurden in der Nachbarschaft von Dorothy uns Alvin zum Abendessen eingeladen, oder haben auch ganze Tagesausflüge mit unserer neuen Schwester Janet zum malerischen Peggys Cove oder in die nette Kleinstadt Truro gemacht.

Es gibt viel zu sehen und zu erleben, doch die Zeit wird langsam knapp. Am Wochenende waren wir noch einmal mit Janet und Schwester Angela in Downtown feiern und unsere neuen Eltern bowlen uns immer donnerstags in Grund und Boden.

Diese selbstlose Hilfsbereitschaft möchte ich mir auch zu eigen machen und so begab es sich auf einem unserer letzten Streifzüge durch die Stadt, dass ich eine 24jährige vor dem vermeintlichen Tod retten konnte. Sie saß auf dem Geländer eines Parkhauses im ersten Stock und schrie lauthals, dass das das Ende sei und sie nun springen werde. Ich versuchte sie davon zu überzeugen, dass sie sich beim Sprung aus solch schwindelerregender Höhe ins daruntergelegene Blumenbeet wahrscheinlich nicht mal den Fuss stauchen würde, doch sie war nicht zu beruhigen. Die meisten Passanten waren sich mit Cora einig, dass dies lächerlich sei und gingen kopfschüttelnd weiter. Ich jedoch ging in zu ihr hoch und zerrte sie vom Geländer. Leider wollte sie sich auch nicht weiter mit mir über ihre Probleme unterhalten und so musste ich sie nach kurzem Dialog wieder sich selbst überlassen. Wir verständigten den Sicherheitsdienst des Einkaufszentrums, weil wir uns nicht sicher waren, ob die junge Frau sich nicht gleich wieder auf des Geländer setzen würde...

Ich persönlich wollte diesem Jahr eine besonde Ehre auf meinem Körper zuteil werden lassen und so bin ich, hier in Halifax, zu einem Tatowierer gegangen und habe mir zum Abschluss ein rotes Ahornblatt auf den Fuss tätowieren lassen. Nicht, dass ich befürchte das Abenteuer Kanada je zu vergessen, doch es war so einschneident, dass ich mich gerne bei dessen Anblick immer wieder kurz daran zurückerinnern möchte.
Bis die Tage,
Eure Uli
cora_und_uli - 5. Februar, 15:56

Langsam müssen wir uns von Bertha trennen. Potentiell interessierte Käufer klicken
